Veröffentlicht am März 15, 2024

Der Erfolg als Business Angel in Deutschland hängt weniger von der Jagd nach dem nächsten „Unicorn“ ab, sondern von der präzisen Steuerung von Bewertung und Vertragsklauseln.

  • Ein Wandeldarlehen ist oft der schnellere und fairere Einstieg als eine sofortige Beteiligung bei einer unklaren Bewertung.
  • Der staatliche INVEST-Zuschuss kann Ihr Risiko signifikant senken und die Rendite Ihres Investments in Deutschland steigern.

Empfehlung: Beginnen Sie mit kleinen Tickets, lernen Sie die Mechanismen kennen und fokussieren Sie sich auf den Schutz Ihrer Anteile vor Verwässerung – das ist der Schlüssel zur langfristigen Rendite.

Die Vorstellung ist verlockend: Sie haben unternehmerischen Erfolg gehabt, Kapital aufgebaut und möchten nun die nächste Generation von Innovatoren nicht nur mit Geld, sondern auch mit Ihrer Erfahrung unterstützen. Als Business Angel in die deutsche Startup-Szene zu investieren, verspricht nicht nur eine potenziell hohe Rendite, sondern auch die Faszination, an vorderster Front bei der Entstehung von Zukunftstechnologien dabei zu sein. Viele glauben, der Schlüssel liege darin, das eine disruptive Geschäftsmodell zu finden, das „nächste Amazon“. Man liest von Pitch-Decks, Skalierbarkeit und dem perfekten Gründerteam.

Doch die Realität für Angel-Investoren, besonders für jene, die mit Beträgen um 10.000 € einsteigen, ist eine andere. Der wahre Hebel für ein erfolgreiches Investment liegt oft nicht in der grossen Vision des Startups, sondern im Kleingedruckten des Vertrags. Die kritische Frage lautet nicht nur: „Wird diese Firma erfolgreich sein?“, sondern: „Wird MEIN Anteil am Ende dieses Erfolgs noch etwas wert sein?“ Viele gut gemeinte Investments scheitern nicht an der Geschäftsidee, sondern an einer naiven Herangehensweise an Bewertung, Vertragsgestaltung und Verwässerungsschutz.

Dieser Leitfaden bricht mit den üblichen Platitüden. Statt Ihnen zu raten, „auf das Team zu setzen“, zeigen wir Ihnen die konkreten Mechanismen und Fallstricke des Angel-Investings in Deutschland. Wir beleuchten, wie man ein Unternehmen ohne Umsatz bewertet, warum ein Wandeldarlehen oft die klügere Wahl ist, welche Vertragsklauseln Ihr Investment wertlos machen können und wie Sie sich mit staatlicher Hilfe einen erheblichen Teil Ihres Einsatzes zurückholen. Es geht darum, vom enthusiastischen Förderer zum strategischen Investor zu werden, der die Spielregeln kennt und zu seinem Vorteil nutzt.

Dieser Artikel führt Sie durch die entscheidenden strategischen Überlegungen, die aus einem riskanten Wagnis ein kalkuliertes Investment machen. Die folgende Übersicht gibt Ihnen einen klaren Fahrplan an die Hand.

Wie bewerten Sie eine Firma, die noch keinen Euro Umsatz gemacht hat (Pre-Money)?

Die Bewertung eines Startups ohne nennenswerte Umsätze (Pre-Revenue) ist eine der grössten Herausforderungen für neue Business Angels. Klassische Finanzmodelle greifen hier nicht. Die Wahrheit ist: In dieser Phase ist jede Bewertung mehr eine Verhandlungssache als eine exakte Wissenschaft. Es geht weniger um Excel-Tabellen als um eine qualitative Analyse des Potenzials. Der Fokus muss auf den fundamentalen Werttreibern liegen, die zukünftige Umsätze erst ermöglichen. Ein erfahrener Angel schaut nicht auf den Preis, sondern auf den Wert, der geschaffen werden kann.

Die drei entscheidenden Säulen dieser qualitativen Bewertung sind das Gründerteam, das Marktpotenzial und die bisherige Traktion. Hat das Team komplementäre Fähigkeiten (z.B. Tech-Genie und Vertriebs-Ass)? Ist der adressierbare Markt gross genug und das Geschäftsmodell skalierbar? Und welche konkreten Beweise für den Bedarf gibt es bereits? Das können erste Pilotkunden, Absichtserklärungen (Letter of Intent) oder eine schnell wachsende Warteliste sein. Diese Faktoren sind weitaus aussagekräftiger als jede noch so optimistische Umsatzprognose. Auch wenn Business Angels im Schnitt 170.000 Euro pro Deal investieren, gelten diese Bewertungsprinzipien umso mehr für kleinere Einstiegstickets.

Checkliste zur Bewertung von Pre-Revenue-Startups

  1. Team-Bewertung: Prüfen Sie die Komplementarität der Gründerkompetenzen (z.B. Tech vs. Vertrieb) und deren bisherige gemeinsame Erfolge.
  2. Marktanalyse: Validieren Sie das Marktpotenzial, die Grösse des Zielmarktes und die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells. Ist der Markt ein Nischen- oder ein Milliardenmarkt?
  3. Innovationsgrad: Bewerten Sie den technologischen Vorsprung. Gibt es Patente, Schutzrechte oder ein klares Alleinstellungsmerkmal, das schwer zu kopieren ist?
  4. Validierte Meilensteine: Suchen Sie nach externer Validierung wie Letter of Intent von namhaften Kunden, abgeschlossenen Pilotprojekten oder ersten zahlenden Nutzern.
  5. Persönliche Chemie: Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl. Sie gehen eine Partnerschaft für die nächsten 7-12 Jahre ein. Stimmt die Chemie mit den Gründern?

Letztlich ist die Pre-Money-Bewertung eine Wette auf die Fähigkeit des Teams, eine Vision umzusetzen. Eine strukturierte Prüfung dieser qualitativen Faktoren minimiert das Risiko, sich von einem charismatischen Pitch blenden zu lassen.

Warum ist ein Wandeldarlehen oft schneller und fairer als eine direkte Beteiligung?

Haben Sie sich für ein Investment entschieden, stellt sich die Frage nach dem „Wie“. Eine direkte Beteiligung an der GmbH klingt logisch, führt aber in der Frühphase oft zu einem massiven Problem: Man muss sich auf eine Unternehmensbewertung einigen. Diese Diskussion ist nicht nur zeitaufwendig und teuer (Notar, Anwälte), sondern auch hochgradig spekulativ. Genau hier kommt das Wandeldarlehen (Convertible Loan) als elegantes Instrument ins Spiel. Es verschiebt die Bewertungsdiskussion in die Zukunft.

Statt sofort Anteile zu erwerben, geben Sie dem Startup ein Darlehen. Dieses Darlehen wird nicht zurückgezahlt, sondern bei der nächsten grossen Finanzierungsrunde (z.B. durch einen Venture-Capital-Fonds) in Anteile umgewandelt. Der Clou: Sie als Früh-Investor erhalten dabei einen Rabatt („Discount“) auf die Bewertung, die der professionelle Investor festlegt. Üblich sind 20-30% Discount. Zusätzlich sichert eine Obergrenze („Cap“) ab, dass Ihre Anteile nicht zu teuer werden, falls das Startup bis dahin durch die Decke geht. Dieses Vorgehen spart Zeit, Notarkosten und vermeidet zermürbende Verhandlungen zu einem Zeitpunkt, an dem niemand den wahren Wert kennt.

Symbolische Darstellung eines schnellen Wandeldarlehens im Vergleich zu einer aufwendigen direkten Beteiligung.

Wie die Visualisierung andeutet, ist das Wandeldarlehen der schnellere und ressourcenschonendere Weg. Es erlaubt dem Startup, das dringend benötigte Kapital sofort einzusetzen, während Sie als Investor von einer professionellen Bewertung in der Zukunft profitieren und für Ihr frühes Risiko belohnt werden. Es ist ein pragmatischer Kompromiss, der für beide Seiten fair ist.

Der Fehler im Vertrag, der Ihre Anteile in der nächsten Finanzierungsrunde wertlos macht

Das Investment ist getätigt, das Startup wächst. Doch der wahre Test für Ihr Investment kommt erst mit der nächsten Finanzierungsrunde. Hier lauern die Fallstricke im Beteiligungsvertrag (Term Sheet), die Ihren Anteil massiv verwässern oder im Extremfall fast wertlos machen können. Viele Erst-Investoren fokussieren sich auf die Bewertung und die Anzahl der Anteile, übersehen aber die viel wichtigeren Schutzklauseln. Ohne diese Klauseln sind Sie den Interessen der Gründer und nachfolgender, grösserer Investoren oft schutzlos ausgeliefert.

Ein zentraler Punkt ist der Verwässerungsschutz (Anti-Dilution). Was passiert, wenn die nächste Finanzierungsrunde zu einer niedrigeren Bewertung stattfindet (Downround)? Ein „Full Ratchet“-Schutz, der oft von Angels gefordert wird, kann zukünftige Investoren abschrecken. Besser ist ein „Weighted Average“-Schutz, der als fair gilt. Ebenso kritisch ist die Liquidationspräferenz. Sie regelt, wer im Falle eines Exits zuerst sein Geld zurückbekommt. Eine „Participating Liquidation Preference“ kann dazu führen, dass spätere Investoren ihr Geld mehrfach zurückerhalten, während für Sie als Früh-Investor nichts mehr übrig bleibt.

Der erfahrene Investor Wolrad Claudy betont in der Business Angel Academy genau diesen Punkt:

Ich achte im Term Sheet als Business Angel besonders auf Tag-Along- und Drag-Along-Regeln. Wie ausscheidende Gründer abgefunden werden und wie sie aussteigen können, damit das Unternehmen nicht in eine schwierige Situation kommt.

– Wolrad Claudy, Business Angel Academy

Die folgende Tabelle fasst die kritischsten Klauseln zusammen, die Sie als Angel-Investor kennen und verhandeln müssen, um Ihr Investment zu schützen, wie eine Analyse kritischer Vertragsklauseln zeigt.

Kritische Vertragsklauseln für Business Angels
Klausel Risiko für Angels Empfehlung
Full Ratchet Schreckt zukünftige Investoren ab Weighted Average bevorzugen
Participating Liquidation Früh-Investoren gehen leer aus Non-Participating vereinbaren
Unklare ESOP-Regelung Überproportionale Verwässerung Pre-Money-Herausrechnung fordern

Ein guter Anwalt ist hier unerlässlich, aber das Wissen um diese Klauseln ermöglicht es Ihnen erst, die richtigen Fragen zu stellen und Ihre Interessen von Anfang an zu wahren.

Wie bekommen Sie 20 % Ihres Investments vom Staat zurückerstattet (INVEST-Zuschuss)?

Eine Besonderheit des deutschen Startup-Ökosystems, die viele neue Angels nicht kennen, ist der „INVEST – Zuschuss für Wagniskapital“. Dieses Förderprogramm des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ist ein extrem starker Hebel, um Ihr Risiko zu senken und die effektive Rendite zu erhöhen. Im Kern erstattet Ihnen der Staat einen Teil Ihres privaten Investments in ein junges, innovatives Unternehmen. Dies macht den Einstieg, gerade mit kleineren Tickets, ungleich attraktiver.

Das Programm ist zweistufig aufgebaut. Zuerst erhalten Sie einen Zuschuss auf den Erwerb der Anteile. Zweitens gibt es einen weiteren Zuschuss, falls Ihre Anteile mit Gewinn verkauft werden, um die anfallende Steuerlast zu mindern. Laut offiziellen Angaben des BAFA bietet das aktuelle INVEST-Programm einen 15% Erwerbszuschuss, der direkt an Sie ausgezahlt wird. Bei einem erfolgreichen Exit wird zusätzlich ein pauschaler Exitzuschuss von 25 % der Steuern auf den Veräusserungsgewinn gewährt.

Um förderfähig zu sein, muss sowohl das Startup bestimmte Kriterien (jung, innovativ, nicht börsennotiert) erfüllen als auch Ihr Investment (mindestens 10.000 €). Der Prozess ist standardisiert, erfordert aber strikte Einhaltung der Reihenfolge:

  1. Antrag durch das Startup: Das Startup muss zuerst online beim BAFA seine grundsätzliche Förderfähigkeit beantragen und bestätigen lassen.
  2. Antrag durch den Investor: Erst nach dieser Bestätigung können Sie als Investor Ihren Antrag auf den Erwerbszuschuss stellen. Wichtig: Dies muss vor der finalen Unterzeichnung des Beteiligungsvertrags geschehen.
  3. Vertragsschluss und Zahlung: Nach der Bewilligung Ihres Antrags schliessen Sie den Vertrag und tätigen das Investment.
  4. Auszahlung: Sie reichen die Vertragsunterlagen ein und erhalten nach Prüfung den 15%-Zuschuss auf Ihr Konto.

Dieser Zuschuss ist kein „nice-to-have“, sondern ein strategischer Vorteil. Er reduziert Ihr eingesetztes Netto-Kapital und verbessert so jede Renditekennzahl Ihres Investments von Tag eins an.

Wann und wie bekommen Sie Ihr Geld eigentlich wieder zurück?

Die aufregende Phase des Investments und des Wachstums ist das eine. Die entscheidende Frage für Ihre Rendite ist jedoch: Wie und wann findet der Exit statt? Viele Neulinge träumen vom spektakulären Börsengang (IPO), doch die Realität in Deutschland sieht anders aus. Der mit Abstand häufigste Exit-Weg ist der Trade Sale, also der Verkauf des Startups an ein grösseres, etabliertes Unternehmen (einen strategischen Investor). Diese „Strategen“ suchen nach innovativer Technologie, neuen Märkten oder talentierten Teams, um ihr eigenes Geschäft zu stärken.

Der Zeithorizont für einen solchen Exit ist lang. Sie müssen mit einer Haltedauer von sieben bis zwölf Jahren rechnen. Angel-Investing ist ein Marathon, kein Sprint. Während dieser Zeit ist Ihr Kapital illiquide, also fest gebunden. Ein erfolgreicher Exit ist zudem alles andere als garantiert. Eine Faustregel besagt, dass von zehn Investments etwa ein Drittel komplett scheitert, ein Drittel das eingesetzte Kapital mehr oder weniger zurückbringt und nur ein Drittel einen signifikanten Gewinn erzielt. Die hohen Gewinne der wenigen „Winner“ müssen die Verluste der anderen ausgleichen. Deshalb ist Diversifikation über mehrere Startups hinweg so entscheidend.

Zeitstrahl mit verschiedenen Exit-Optionen für Business Angels in einem modernen deutschen Büro mit Blick auf die Frankfurter Skyline.

Eine Studie zu Exit-Statistiken deutscher Business Angels bestätigt dieses Bild: Nur etwa jedes dritte Engagement führt zu einem erfolgreichen Exit. Trade Sales dominieren klar den deutschen Markt, während Börsengänge die absolute Ausnahme bleiben. Dieser „Exit-Realismus“ ist entscheidend, um die richtigen Erwartungen zu haben und die Geduld aufzubringen, die ein erfolgreiches Angel-Investment erfordert.

DCF oder Multiplikator: Welches Bewertungsverfahren erzielt den höheren Preis?

In späteren Finanzierungsrunden, wenn erste Umsätze und Kennzahlen vorliegen, werden Bewertungsdiskussionen technischer. Methoden wie die Discounted-Cash-Flow-Analyse (DCF) oder Multiplikator-Verfahren (z.B. Umsatz-Multiple) kommen ins Spiel. Die Frage, welche Methode den „höheren Preis“ erzielt, ist jedoch ein Trugschluss. Als Angel-Investor sollte Ihr Ziel nicht sein, die Bewertung künstlich in die Höhe zu treiben. Eine übertriebene Bewertung in einer frühen Phase kann sich als Bumerang erweisen, wenn das Startup die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann und in der nächsten Runde eine niedrigere Bewertung akzeptieren muss (eine „Downround“).

Die DCF-Methode, die zukünftige Cashflows auf heute abzinst, ist bei Startups extrem heikel, da sie auf sehr unsicheren Annahmen beruht. Kleine Änderungen in der angenommenen Wachstumsrate können die Bewertung um Millionen verändern. Das Multiplikator-Verfahren, bei dem man die Bewertung ähnlicher, bereits verkaufter Firmen als Vergleich heranzieht, ist pragmatischer, aber auch hier ist die Vergleichbarkeit oft fraglich. Kein Startup ist wie das andere. Einzelne Business Angels in Deutschland investieren typischerweise zwischen 50.000 und 250.000 Euro, und in diesem Bereich geht es weniger um mathematische Präzision als um eine plausible Herleitung.

Erfahrene Investoren wissen: Diese Methoden sind Werkzeuge zur Plausibilisierung, nicht zur Wahrheitsfindung. Sie dienen dazu, einen Verhandlungsrahmen abzustecken. Die viel wichtigere Frage, wie auch Experte Joakim Nägele betont, ist die nach den Fundamentaldaten: Hat das Geschäftsmodell das Potenzial für starkes, profitables Wachstum in einem grossen Markt? Wenn diese Frage mit „Ja“ beantwortet werden kann, wird sich auch eine faire Bewertung finden lassen. Eine hohe Bewertung für ein schwaches Geschäftsmodell ist wertlos. Eine faire Bewertung für ein starkes Modell ist der Beginn einer erfolgreichen Partnerschaft.

Warum glaubt Ihnen kein Investor eine Umsatzverdopplung im zweiten Jahr?

Jeder Business Angel hat sie schon gesehen: Pitch Decks mit der berühmten „Hockey Stick“-Kurve, die exponentielles Umsatzwachstum ab dem zweiten Jahr verspricht. Seien wir ehrlich: Solche Prognosen sind in den meisten Fällen reine Fiktion. Kein erfahrenes Gründerteam kann seriös vorhersagen, wie sich der Umsatz in 24 Monaten entwickeln wird, wenn das Produkt noch nicht einmal am Markt ist. Erfahrene Investoren winken bei solchen unrealistischen Plänen sofort ab. Es zeugt nicht von Ambition, sondern von Naivität.

Was Investoren stattdessen sehen wollen, ist ein Verständnis für die eigentlichen Hebel des Wachstums. Statt auf einen fiktiven Endumsatz zu schauen, konzentrieren sie sich auf operative Kennzahlen (KPIs), die in der Frühphase wirklich messbar und aussagekräftig sind. Diese KPIs zeigen, ob das Startup auf dem richtigen Weg ist, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu bauen. Sie sind der Beweis, dass das Team nicht nur träumt, sondern exekutiert. Beliebte Sektoren wie Medizin oder Software haben oft sehr spezifische, nicht-finanzielle KPIs, die den Fortschritt belegen.

Anstatt einer vagen Umsatzprognose sollten Gründer – und Sie als deren Sparringspartner – sich auf folgende, handfeste Metriken konzentrieren:

  • Nutzer-Engagement-Raten: Wie aktiv nutzen die ersten Testkunden das Produkt? Kehren sie wieder? Wie entwickelt sich diese Rate von Monat zu Monat?
  • Anzahl der Pilotkunden: Wie viele Unternehmen, idealerweise aus dem soliden deutschen Mittelstand, testen das Produkt bereits in der Praxis?
  • Wachstum der Warteliste: Wie schnell wächst die Zahl der Interessenten, die auf den Produkt-Launch warten?
  • Conversion-Rate: Wie viel Prozent der kostenlosen Testnutzer können in zahlende Kunden umgewandelt werden?

Diese Zahlen erzählen eine viel ehrlichere und überzeugendere Geschichte als jede Umsatzfantasie. Sie zeigen, dass ein echter Bedarf existiert und das Team in der Lage ist, diesen in messbare Ergebnisse umzusetzen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Pre-Revenue-Bewertung basiert auf Team, Markt und Traktion, nicht auf Finanzformeln.
  • Vertragsklauseln wie Liquidationspräferenzen und Verwässerungsschutz sind entscheidender als die ursprüngliche Bewertung.
  • Der INVEST-Zuschuss ist ein zentrales Werkzeug zur Risikominimierung für Angels in Deutschland.

KI, Blockchain oder Quantum Computing: Wo liegt das nächste „Amazon“ verborgen?

Die Jagd nach dem nächsten grossen Ding, dem „Game Changer“, treibt viele Investoren an. Aktuelle Hype-Themen wie Künstliche Intelligenz, Blockchain oder gar Quantencomputing versprechen revolutionäre Umbrüche. Doch als strategischer Angel-Investor ist es gefährlich, reinen Technologie-Trends hinterherzulaufen. Die Geschichte ist voll von brillanten Technologien, die nie ein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden haben. Die wirklich grossen Chancen in Deutschland liegen oft nicht im schillerndsten Hype, sondern in der cleveren Anwendung von Technologie auf die Stärken der deutschen Wirtschaft.

Erfolgreiche Ausgründungen aus den Fraunhofer- und Max-Planck-Instituten zeigen einen klaren Weg auf: Deutsche Deep-Tech-Startups mit einem starken Fokus auf Industrie 4.0, B2B-Lösungen und Greentech haben aussergewöhnlich hohe Erfolgschancen. Sie profitieren von einem einzigartigen Ökosystem: tiefes wissenschaftliches Know-how, starker Patentschutz, Zugang zu öffentlichen Fördermitteln (wie EXIST und INVEST) und vor allem die direkte Nähe zur exportstarken deutschen Industrie, die händeringend nach Innovationen sucht. Anstatt das nächste soziale Netzwerk zu bauen, schaffen diese Startups „Hidden Champions“ für die Weltmarktführer von morgen.

Das „nächste Amazon“ aus Deutschland wird wahrscheinlich kein E-Commerce-Riese sein. Es könnte eine Firma sein, die mit KI die Effizienz in der Automobilproduktion revolutioniert, mit neuen Materialien die Energiewende vorantreibt oder mit Quantensensorik die Medizintechnik auf ein neues Level hebt. Für die knapp 11.000 aktiven Business Angels in Deutschland liegt die Chance darin, diese B2B-Juwelen zu finden, die weniger auf lauten Hype als auf tiefgreifende, patentgeschützte Innovation und einen klaren Kundennutzen setzen.

Die grösste Rendite liegt oft dort, wo tiefe technologische Kompetenz auf ein echtes, ungelöstes Problem der Industrie trifft. Das ist die Domäne, in der deutsche Startups weltweit führend sein können.

Die Identifikation zukunftsträchtiger Felder erfordert mehr als das Verfolgen von Schlagzeilen. Ein tiefes Verständnis der Stärken des deutschen Innovationssystems ist der Schlüssel, um die wahren Champions von morgen zu finden.

Der Weg zum erfolgreichen Business Angel ist eine anspruchsvolle, aber ungemein lohnende Reise. Es geht darum, mit kühlem Kopf, strategischem Weitblick und einem Auge fürs Detail zu agieren. Wenn Sie diese Prinzipien verinnerlichen und mit kleinen, kalkulierten Schritten beginnen, legen Sie den Grundstein für ein Portfolio, das nicht nur finanzielle, sondern auch persönliche Erfüllung bringt. Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Wissen zu vertiefen und die ersten potenziellen Investments nach diesen Kriterien zu bewerten.

Geschrieben von Klaus Vonberg, Dr. Klaus Vonberg ist ein erfahrener Interim-CFO und Strategieberater mit über 25 Jahren Erfahrung in der Sanierung und Skalierung deutscher mittelständischer Unternehmen (KMU). Er ist spezialisiert auf Liquiditätsmanagement, Unternehmensbewertung und Exit-Strategien.