
Die Wahl zwischen MSCI World und FTSE All-World ist weniger entscheidend als die strategischen Entscheidungen über Kosten, Steuern und Anlagemechanik, die Sie danach treffen.
- Die wahren Kosten eines ETFs (Tracking Difference) sind oft wichtiger als die ausgewiesene Kostenquote (TER).
- Ihre persönliche Steuersituation und die Höhe des Sparer-Pauschbetrags bestimmen, ob ein ausschüttender oder thesaurierender ETF für Sie optimal ist.
- Moderne Regulierungen haben das einst gefürchtete Risiko von Swap-ETFs auf ein Minimum reduziert, was sie zu einer validen Alternative macht.
Empfehlung: Wählen Sie einen breit gestreuten, kosteneffizienten Welt-ETF und optimieren Sie Ihre Strategie anhand der in diesem Leitfaden erklärten Mechanismen, anstatt sich allein im Index-Dilemma zu verlieren.
Die Entscheidung zwischen einem ETF auf den MSCI World und einem auf den FTSE All-World beschäftigt fast jeden, der mit dem passiven Investieren beginnt. Es ist die Gretchenfrage des globalen Vermögensaufbaus: Reichen die Industrienationen oder benötigt man zwingend die Schwellenländer für eine „vollständige“ Diversifikation? Diese Debatte ist wichtig, um die Grundlagen zu verstehen. Sie führt jedoch oft dazu, dass Anleger sich in Details verlieren und dabei die wirklich entscheidenden Stellschrauben für den langfristigen Erfolg übersehen.
Die landläufige Meinung konzentriert sich auf die Anzahl der Länder und Unternehmen oder die historische Performance. Doch was nützt die Wahl des „richtigen“ Index, wenn die tatsächlichen Kosten die Rendite auffressen, die Steuerstrategie nicht zum eigenen Depot passt oder man aus unbegründeter Angst vor bestimmten ETF-Typen suboptimale Produkte wählt? Die Wahrheit ist, dass der langfristige Erfolg Ihrer Geldanlage weniger vom gewählten Index abhängt, als von den operativen Entscheidungen, die Sie bei der Umsetzung Ihrer Strategie treffen.
Aber was, wenn die wahre Kunst nicht in der Wahl zwischen A und B liegt, sondern darin, die Mechanismen hinter den Produkten zu verstehen? Was, wenn die Antwort auf die Frage „Welcher ETF ist besser?“ lautet: „Der, dessen Struktur Sie verstehen und dessen Eigenschaften Sie steuerlich und strategisch für sich nutzen können.“ Dieser Artikel verlagert den Fokus. Statt den x-ten Vergleich zwischen den beiden Index-Giganten zu ziehen, beantworten wir die viel wichtigeren Fragen, die danach kommen. Wir tauchen tief in die Funktionsweise von ETFs ein – von versteckten Kosten über steuerliche Kniffe bis hin zur Risikobewertung.
Wir werden gemeinsam aufdecken, warum ein teurerer ETF manchmal die bessere Wahl ist, wie Sie die Nachhaltigkeitsversprechen von „grünen“ Fonds kritisch prüfen und wie Sie Ihr Portfolio effizient und steueroptimiert verwalten. Am Ende werden Sie nicht nur wissen, welcher Index vielleicht besser zu Ihrer Philosophie passt, sondern vor allem, wie Sie jede ETF-Entscheidung fundiert und im Sinne Ihres langfristigen Vermögensaufbaus treffen.
Dieser Leitfaden ist in übersichtliche Abschnitte gegliedert, die sich jeweils einer spezifischen, praxisrelevanten Frage widmen. So können Sie die für Sie wichtigsten Themen gezielt ansteuern oder das gesamte Spektrum für ein umfassendes Verständnis erkunden.
Inhaltsverzeichnis: Ihr Wegweiser zur fundierten ETF-Entscheidung
- Warum ist das Kontrahentenrisiko bei synthetischen ETFs (Swap) heute kaum noch relevant?
- Warum ist ein ETF mit 0,20 % Kosten manchmal schlechter als einer mit 0,25 %?
- „Hellgrün“ oder „Dunkelgrün“: Wie streng filtert Ihr ETF wirklich Waffen und Öl?
- Steuerstundung oder Cashflow: Welche Ertragsverwendung nutzt Ihren Freibetrag optimal?
- Wann und wie oft müssen Sie Ihre 70/30-Strategie wieder ins Gleichgewicht bringen?
- Zinseszinseffekt nutzen: Manuell reinvestieren oder automatischer Wiederaufbau?
- Wie decken Sie das gesamte Spektrum von Pflege bis Genforschung mit einem Produkt ab?
- Wie funktionieren Anleihen-ETFs und warum verlieren sie an Wert, wenn die Zinsen steigen?
Warum ist das Kontrahentenrisiko bei synthetischen ETFs (Swap) heute kaum noch relevant?
Die Angst vor dem Ausfall eines Swap-Partners bei synthetisch replizierenden ETFs ist ein Relikt aus den Anfängen der ETF-Welt. Synthetische ETFs bilden einen Index nicht durch den direkten Kauf der enthaltenen Aktien ab, sondern über ein Tauschgeschäft (Swap) mit einem Finanzinstitut, meist einer grossen Investmentbank. Die Sorge war stets: Was passiert, wenn dieser Swap-Partner pleitegeht? Die Antwort darauf ist heute durch strenge europäische Vorschriften klar geregelt und das Risiko für Anleger drastisch minimiert.
Der entscheidende Schutzmechanismus ist in den OGAW-Richtlinien (in Englisch UCITS) der EU verankert. Diese schreiben vor, dass der Wert des Swaps – also die potenzielle Forderung des ETFs gegenüber der Bank – zu keinem Zeitpunkt 10 % des Fondsvermögens übersteigen darf. In der Praxis setzen viele ETF-Anbieter wie Xtrackers, eine Tochter der Deutschen Bank, diese Schwelle sogar noch niedriger an und setzen den Swap-Wert täglich auf null zurück („daily reset“). Das bedeutet, dass jeglicher Gewinn oder Verlust aus dem Tauschgeschäft sofort ausgeglichen wird.
Zusätzlich hält der ETF ein Trägerportfolio aus hochliquiden Wertpapieren (oft Blue-Chip-Aktien oder Staatsanleihen), das als Sicherheit dient und dessen Wert ständig überwacht wird. Sollte der Swap-Kontrahent tatsächlich ausfallen, wird dieses Portfolio verkauft, um die Anleger auszuzahlen. Durch diese Kombination aus gesetzlicher Begrenzung, täglicher Anpassung und Besicherung ist das Kontrahentenrisiko heute so gering, dass es für die meisten Anleger kein ausschlaggebendes Entscheidungskriterium mehr sein sollte. Tatsächlich bestätigen Analysen, dass laut EU-OGAW-Richtlinien das Kontrahentenrisiko strikt begrenzt ist und der maximal mögliche Verlust auf einen Bruchteil des Investments limitiert wäre.
Der Vorteil von Swap-ETFs liegt oft in einer präziseren Indexabbildung (geringerer Tracking Error) und potenziell niedrigeren Kosten, insbesondere bei Nischenindizes. Anstatt sie also pauschal zu meiden, sollten Anleger sie als eine technisch andere, aber ebenso sichere Replikationsmethode betrachten.
Warum ist ein ETF mit 0,20 % Kosten manchmal schlechter als einer mit 0,25 %?
Anleger fixieren sich bei der ETF-Auswahl oft auf eine einzige Kennzahl: die Gesamtkostenquote oder Total Expense Ratio (TER). Sie scheint ein einfacher und direkter Weg zu sein, die Effizienz eines Fonds zu bewerten. Doch die TER erzählt nur die halbe Wahrheit. Die viel entscheidendere Metrik für die tatsächliche Rendite ist die Tracking Difference (TD). Sie misst die reale Abweichung der ETF-Performance von der Performance seines Referenzindex nach allen Kosten und Erträgen.
Die TER umfasst lediglich die laufenden Verwaltungskosten. Die Tracking Difference hingegen berücksichtigt alle Faktoren, die die Rendite beeinflussen. Dazu gehören neben der TER auch Transaktionskosten innerhalb des Fonds, Steuern auf Fondsebene und – ganz entscheidend – mögliche Erträge aus der Wertpapierleihe. ETF-Anbieter können die im Fonds gehaltenen Aktien an andere Marktteilnehmer (z. B. Leerverkäufer) verleihen und dafür eine Gebühr verlangen. Diese Einnahmen fliessen zu einem grossen Teil zurück an den Fonds und können die Kosten der TER teilweise oder sogar vollständig kompensieren.
Das visuelle Beispiel unten illustriert dieses Prinzip: Ein ETF mit einer höheren TER kann dank signifikanter Erträge aus der Wertpapierleihe am Ende eine bessere Performance (eine geringere negative oder sogar positive Tracking Difference) aufweisen als ein Konkurrenzprodukt mit einer niedrigeren TER, das aber keine oder kaum solche Zusatzerträge generiert. Ein ETF mit 0,25 % TER, der 0,15 % durch Wertpapierleihe einnimmt, ist für den Anleger effektiver als ein ETF mit 0,20 % TER ohne solche Erträge.

Die Tracking Difference ist somit der ehrlichere Gradmesser für die Effizienz eines ETFs. Sie zeigt, wie viel von der Indexrendite tatsächlich beim Anleger ankommt. Anstatt also blind den ETF mit der niedrigsten TER zu wählen, sollten Sie die historische Tracking Difference über mehrere Jahre vergleichen, um die wahren Gesamtkosten zu ermitteln.
Ihr Fahrplan zur Ermittlung der echten ETF-Kosten
- Ausgangspunkt notieren: Notieren Sie die TER (Total Expense Ratio) des ETFs als erste grobe Orientierung.
- Tracking Difference recherchieren: Schlagen Sie die historische Tracking Difference auf Finanzportalen wie justETF oder extraETF für die gewünschten ETFs nach.
- Langfristig vergleichen: Vergleichen Sie die TD über einen Zeitraum von 3 bis 5 Jahren. Ein einzelnes Jahr kann durch Sondereffekte verzerrt sein.
- Wertpapierleihe prüfen: Berücksichtigen Sie die Einnahmen aus der Wertpapierleihe. Diese können die TER überkompensieren und zu einer besseren Nettoperformance führen.
- Spread kontrollieren: Prüfen Sie den Bid-Ask-Spread (die Spanne zwischen An- und Verkaufskurs) an der Börse XETRA, besonders wenn Sie kleinere oder grössere Orders planen.
„Hellgrün“ oder „Dunkelgrün“: Wie streng filtert Ihr ETF wirklich Waffen und Öl?
Nachhaltiges Investieren, oft unter dem Kürzel ESG (Environmental, Social, Governance) zusammengefasst, ist mehr als nur ein Trend. Doch die Vielfalt an „grünen“ ETFs macht es Anlegern schwer, die tatsächliche Nachhaltigkeitswirkung eines Produkts einzuschätzen. Die EU hat mit der Offenlegungsverordnung (SFDR) versucht, Transparenz zu schaffen, indem sie Fonds in verschiedene Kategorien einteilt. Die entscheidenden Bezeichnungen für Anleger sind hierbei „Artikel 8“ (hellgrün) und „Artikel 9“ (dunkelgrün).
Ein Artikel-8-ETF bewirbt ökologische oder soziale Merkmale. Das bedeutet, der Fonds berücksichtigt ESG-Kriterien, verfolgt aber nicht zwingend ein konkretes Nachhaltigkeitsziel. Oft handelt es sich hierbei um „ESG Screened“-Varianten, die lediglich die kontroversesten Unternehmen einer Branche (z. B. Hersteller von geächteten Waffen) ausschliessen. Ein Grossteil des ursprünglichen Index bleibt jedoch erhalten.
Ein Artikel-9-ETF hingegen verfolgt ein klares, messbares Nachhaltigkeitsziel. Diese „dunkelgrünen“ Fonds sind deutlich strenger in ihrer Auswahl. Sie investieren gezielt in Unternehmen, die Lösungen für Umwelt- oder Sozialprobleme anbieten (z. B. erneuerbare Energien, sauberes Wasser). Hierzu gehören oft SRI-Varianten (Socially Responsible Investing), die ganze Branchen wie fossile Brennstoffe, Tabak, Alkohol oder Waffen kategorisch ausschliessen. Die Filtertiefe ist hier also ungleich höher.
Der Name des ETFs kann irreführend sein. Ein „ESG“-Label garantiert noch lange keinen Ausschluss von Ölkonzernen. Anleger müssen genau hinsehen und die SFDR-Klassifizierung sowie die Methodik des zugrundeliegenden Index prüfen, um Greenwashing zu vermeiden. Der folgende Vergleich zeigt die wesentlichen Unterschiede.
| SFDR Artikel | Bezeichnung | ESG-Integration | Nachhaltigkeitsziel | Beispiel ETF |
|---|---|---|---|---|
| Artikel 6 | Standard | Keine ESG-Kriterien | Nein | MSCI World Standard |
| Artikel 8 | Hellgrün | Bewirbt ökologische/soziale Merkmale | Teilweise | MSCI World ESG Screened |
| Artikel 9 | Dunkelgrün | Verfolgt Nachhaltigkeitsziel | Ja, als Hauptziel | MSCI World SRI |
Die Wahl zwischen hell- und dunkelgrün ist eine persönliche. Artikel 8 bietet eine breitere Diversifikation mit einem leichten Nachhaltigkeitsfokus, während Artikel 9 eine konzentriertere, wirkungsorientierte Anlage darstellt, die jedoch auch ein höheres Sektorrisiko mit sich bringen kann.
Steuerstundung oder Cashflow: Welche Ertragsverwendung nutzt Ihren Freibetrag optimal?
Die Wahl zwischen einem thesaurierenden (wiederanlegenden) und einem ausschüttenden ETF ist eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen für deutsche Anleger. Es geht hierbei nicht nur um persönliche Vorliebe, sondern um handfeste steuerliche Vorteile. Die optimale Wahl hängt stark von der Grösse Ihres Depots und der Ausnutzung des Sparer-Pauschbetrags ab.
Ein thesaurierender ETF reinvestiert die erwirtschafteten Dividenden automatisch und direkt im Fondsvermögen. Dies führt zu einem maximalen Zinseszinseffekt, da auch die reinvestierten Erträge sofort wieder Erträge erwirtschaften. Steuerlich führt dies zu einer Steuerstundung, da die Gewinne erst bei einem Verkauf des ETFs realisiert und versteuert werden müssen (abgesehen von der jährlichen Vorabpauschale). Dies ist ideal für den langfristigen Vermögensaufbau mit grossen Summen.
Ein ausschüttender ETF hingegen zahlt die Dividenden direkt auf Ihr Verrechnungskonto aus. Dies generiert einen regelmässigen Cashflow. Der steuerliche Clou: Diese Ausschüttungen können genutzt werden, um den jährlichen Sparer-Pauschbetrag auszuschöpfen. Für das Jahr 2024 ermöglicht der aktuelle Sparer-Pauschbetrag steuerfreie Kapitalerträge in Höhe von 1.000 Euro für Singles und 2.000 Euro für Verheiratete. Solange die jährlichen Ausschüttungen unter diesem Betrag bleiben, fliessen sie komplett steuerfrei.
Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Zwei-Phasen-Strategie: Für kleine bis mittlere Depots (z.B. unter 50.000 €) sind ausschüttende ETFs oft die bessere Wahl, da sie den Freibetrag automatisch und ohne die Notwendigkeit von Verkäufen nutzen. Würde man hier einen Thesaurierer nutzen, müsste man Anteile verkaufen, um den Freibetrag zu realisieren, was mit Kosten und Aufwand verbunden ist. Sobald das Depot und die Sparraten so gross werden, dass die jährlichen Ausschüttungen den Freibetrag übersteigen, wird es sinnvoll, auf thesaurierende ETFs umzusteigen oder neue Sparpläne auf diese anzulegen, um den Zinseszinseffekt und die Steuerstundung maximal zu nutzen.
Ihre Zwei-Phasen-Strategie für optimale Steuernutzung
- Phase 1 (Kleineres Depot < ca. 50.000 €): Beginnen Sie mit ausschüttenden ETFs, um Ihren Sparer-Pauschbetrag einfach und automatisch auszunutzen.
- Automatische Nutzung: Die jährlichen Ausschüttungen verrechnen sich mit dem Freibetrag, ohne dass Sie Anteile verkaufen müssen.
- Phase 2 (Grösseres Depot > ca. 100.000 €): Stellen Sie schrittweise auf thesaurierende ETFs um, sobald die Ausschüttungen Ihren Freibetrag regelmässig übersteigen.
- Maximaler Zinseszins: Lenken Sie zukünftige Sparraten in thesaurierende ETFs, um den Zinseszinseffekt und die Steuerstundung optimal zu nutzen.
- Jährliche Prüfung: Überprüfen Sie jährlich, ob Ihre erwarteten Ausschüttungen den Freibetrag noch unterschreiten oder bereits übersteigen, und passen Sie Ihre Strategie entsprechend an.
Wann und wie oft müssen Sie Ihre 70/30-Strategie wieder ins Gleichgewicht bringen?
Eine beliebte Strategie für Welt-Portfolios ist die Aufteilung in 70 % Industrienationen (z. B. per MSCI World ETF) und 30 % Schwellenländer (z. B. per MSCI Emerging Markets ETF). Diese feste Allokation soll die Chancen der aufstrebenden Märkte nutzen und gleichzeitig Stabilität durch die etablierten Volkswirtschaften gewährleisten. Doch durch unterschiedliche Marktentwicklungen verschiebt sich dieses Gleichgewicht mit der Zeit. Wenn die Schwellenländer stark wachsen, kann ihr Anteil auf 35 % steigen, während der Anteil der Industrieländer auf 65 % sinkt. An dieser Stelle kommt das Rebalancing ins Spiel: die bewusste Wiederherstellung der ursprünglichen Gewichtung.
Die Frage ist jedoch, wie und wie oft man dies tun sollte. Zu häufiges Rebalancing verursacht Transaktionskosten und potenziell Steuern, während zu seltenes Rebalancing das Risikoprofil des Portfolios verändert. Es gibt zwei gängige Methoden, die sich vor allem steuerlich stark unterscheiden.
Die klassische Methode besteht darin, Anteile des übergewichteten Portfolioteils zu verkaufen und mit dem Erlös den untergewichteten Teil aufzustocken. Dieser Ansatz hat jedoch in Deutschland einen erheblichen Nachteil: Jeder Verkauf realisiert Kursgewinne, auf die Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer anfallen. Dies mindert den Zinseszinseffekt und ist daher steuerlich ineffizient.
Fallbeispiel: Steuer-effizientes Rebalancing in der Praxis
Ein Anleger verfolgt eine 70/30-Strategie (70% MSCI World, 30% MSCI Emerging Markets). Die steuerlich nachteilige ‚Verkauf & Kauf‘-Methode würde bei einem Rebalancing Abgeltungsteuer auf die realisierten Kursgewinne auslösen. Die weitaus klügere Methode ist die ‚Anpassung der Sparrate‘. Hierbei wird die monatliche Sparrate vorübergehend vollständig in den untergewichteten ETF-Teil gelenkt, bis die ursprüngliche 70/30-Balance wiederhergestellt ist. Dieser Prozess ist komplett steuerfrei und nutzt den Cashflow aus dem Sparplan, um das Portfolio ins Gleichgewicht zu bringen, ohne Gewinne realisieren zu müssen – die ideale Methode für alle, die über einen ETF-Sparplan investieren.
Die beste Frequenz für ein Rebalancing ist in der Regel einmal pro Jahr oder wenn die Abweichung von der Zielallokation einen bestimmten Schwellenwert (z.B. 5 Prozentpunkte) überschreitet. Für die meisten Privatanleger mit Sparplan ist die jährliche Überprüfung und Anpassung der Sparrate die einfachste und steuerlich intelligenteste Methode.

Zinseszinseffekt nutzen: Manuell reinvestieren oder automatischer Wiederaufbau?
Der Zinseszinseffekt ist das achte Weltwunder des Investierens, wie Albert Einstein gesagt haben soll. Er beschreibt das exponentielle Wachstum, das entsteht, wenn nicht nur das ursprünglich eingesetzte Kapital, sondern auch die darauf erwirtschafteten Zinsen (oder Dividenden) wieder Erträge generieren. Bei der Wahl zwischen einem ausschüttenden und einem thesaurierenden ETF stellt sich die Frage, wie dieser Effekt am besten genutzt wird.
Bei einem ausschüttenden ETF erhalten Sie die Dividenden, wie bereits besprochen, auf Ihr Verrechnungskonto. Um den Zinseszinseffekt zu nutzen, müssen Sie diese Beträge manuell wieder anlegen. Dies bringt zwei Nachteile mit sich. Erstens fallen für den Kauf neuer ETF-Anteile erneut Transaktionskosten an, die Ihre Rendite schmälern. Zweitens entsteht ein sogenannter „Cash Drag“: Das Geld liegt für eine gewisse Zeit unproduktiv auf dem Konto, bevor es reinvestiert wird. Untersuchungen zeigen, dass Barmittel bei manueller Reinvestition tagelang unproduktiv bleiben können und somit keine Rendite erwirtschaften.
Ein thesaurierender ETF löst dieses Problem auf die eleganteste Weise. Er reinvestiert die Dividenden automatisch, sofort und ohne zusätzliche Kosten direkt innerhalb des Fonds. Der Zinseszinseffekt arbeitet hier ohne Unterbrechung und ohne Ihr Zutun. Es gibt keinen Cash Drag und keine zusätzlichen Ordergebühren. Dies maximiert das langfristige Wachstumspotenzial Ihres Investments.
Für Anleger, deren primäres Ziel der maximale Vermögensaufbau ist und die ihren Sparer-Pauschbetrag bereits durch andere Einkünfte oder ausschüttende ETFs ausschöpfen, ist der thesaurierende ETF klar die überlegene Wahl. Er verkörpert das Prinzip des passiven Investierens in seiner reinsten Form. Wie es treffend formuliert wird:
Der thesaurierende ETF ist die perfekte ‚Fire-and-Forget‘-Lösung für den Sparplan, da der Zinseszinseffekt ohne weiteres Zutun und ohne zusätzliche Kosten maximal ausgenutzt wird.
– Finanzfluss Ratgeber, ETF-Handbuch Weltweite Aktienindizes
Die Entscheidung hängt also von Ihrer Anlagestrategie ab: Streben Sie nach einem regelmässigen passiven Einkommen (Ausschütter) oder nach maximalem, automatisiertem Wachstum (Thesaurierer)?
Wie decken Sie das gesamte Spektrum von Pflege bis Genforschung mit einem Produkt ab?
Die Gesundheitsbranche ist ein Megatrend. Demografischer Wandel, medizinischer Fortschritt und innovative Technologien wie die Genforschung versprechen langfristiges Wachstum. Viele Anleger fragen sich daher, ob sie zusätzlich zu einem breiten Welt-ETF in einen speziellen Gesundheits-ETF investieren sollten, um dieses Potenzial gezielt zu nutzen. Die überraschende Antwort ist: In den meisten Fällen ist das gar nicht nötig.
Ein globaler Index wie der FTSE All-World ist nach Marktkapitalisierung gewichtet. Das bedeutet, die grössten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt haben automatisch das höchste Gewicht. Da der Gesundheitssektor ein integraler und sehr grosser Teil der Weltwirtschaft ist, sind die führenden Pharma-, Medizintechnik- und Biotech-Unternehmen bereits prominent in einem Welt-ETF vertreten. Tatsächlich macht der Gesundheitssektor oft einen erheblichen Teil des Gesamtindex aus; beim FTSE All-World enthält er bereits einen substantiellen Anteil an Gesundheitsunternehmen von rund 12 %. Sie investieren also automatisch in Giganten wie Johnson & Johnson, Roche, Eli Lilly oder Novo Nordisk.
Eine zusätzliche Investition in einen Sektor-ETF (eine sogenannte Sektorwette) erhöht die Konzentration und damit das Risiko. Sie geben die breite Diversifikation von tausenden Unternehmen aus allen Branchen auf und setzen stattdessen auf einige wenige Dutzend Firmen aus einem einzigen Sektor. Wie die folgende Tabelle zeigt, ist ein Sektor-ETF deutlich weniger diversifiziert und die Top-Positionen haben ein viel höheres Gewicht.
| Kriterium | FTSE All-World | MSCI World Health Care |
|---|---|---|
| Anzahl Aktien | ~4.200 (alle Sektoren) | ~140 (nur Gesundheit) |
| Diversifikation | Sehr hoch | Niedrig (Sektorkonzentration) |
| Top-10 Gewichtung | ~21% | ~50% |
| TER (Durchschnitt) | 0,15-0,22% | 0,25-0,35% |
| Risiko | Marktrisiko | Erhöhtes Sektorrisiko |
Wenn eine einzelne Firma im Sektor-ETF strauchelt oder eine ganze Sparte (z. B. Biotech) eine Schwächephase durchlebt, schlägt dies voll auf Ihre Rendite durch. Ein breit gestreuter Welt-ETF fängt solche sektorspezifischen Risiken durch seine globale und branchenübergreifende Streuung ab. Für die meisten Anleger ist die Partizipation am Gesundheitssektor über einen FTSE All-World oder MSCI World daher die vernünftigere und risikoadjustiert bessere Strategie.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Wahl zwischen MSCI World und FTSE All-World ist ein guter Startpunkt, aber die strategischen Entscheidungen danach sind wichtiger für den Erfolg.
- Die wahren Kosten eines ETFs werden durch die Tracking Difference abgebildet, nicht allein durch die TER. Einnahmen aus Wertpapierleihe können die Kosten senken.
- Die optimale Steuerstrategie für deutsche Anleger kombiniert ausschüttende ETFs in der Anfangsphase (Nutzung des Freibetrags) mit thesaurierenden ETFs für den späteren, maximalen Zinseszinseffekt.
Wie funktionieren Anleihen-ETFs und warum verlieren sie an Wert, wenn die Zinsen steigen?
Während Aktien-ETFs das Rückgrat der meisten Portfolios bilden, spielen Anleihen-ETFs eine wichtige Rolle als stabilisierendes Element. Doch ihre Funktionsweise, insbesondere ihre Reaktion auf Zinsänderungen, ist vielen Anlegern unklar. Ein Anleihen-ETF bündelt hunderte von Staats- oder Unternehmensanleihen. Der Wert des ETFs wird durch die Kurse dieser Anleihen bestimmt. Und diese Kurse bewegen sich invers zu den allgemeinen Marktzinsen.
Stellen Sie sich vor, ein ETF hält eine Anleihe mit einem festen Zinskupon von 2 %. Wenn die Zentralbank nun die Leitzinsen auf 4 % anhebt, werden neue Anleihen mit einem attraktiveren 4-%-Kupon ausgegeben. Ihre alte 2-%-Anleihe ist nun weniger wert, denn niemand wird sie Ihnen zum vollen Preis abkaufen, wenn es am Markt eine bessere Alternative gibt. Der Kurs Ihrer alten Anleihe muss also fallen, um ihre niedrigere Verzinsung auszugleichen. Genau dieser Effekt schlägt auf den Anleihen-ETF durch: Steigen die Marktzinsen, fallen die Kurse bestehender Anleihen und damit der Wert des ETFs. Umgekehrt steigen die Kurse, wenn die Zinsen fallen.
Die entscheidende Kennzahl, um dieses Kursrisiko zu messen, ist die Duration. Sie wird in Jahren angegeben und misst die durchschnittliche Kapitalbindungsdauer der im ETF enthaltenen Anleihen. Als Faustregel gilt: Die Duration gibt an, um wie viel Prozent der ETF-Kurs ungefähr fällt, wenn die Marktzinsen um einen Prozentpunkt steigen. Eine Duration von 8 Jahren bedeutet also einen Kursverlust von ca. 8 % bei einem Zinsanstieg von 1 %.
Duration verstehen und strategisch nutzen
- Duration im Factsheet finden: Schlagen Sie die Kennzahl „Duration“ oder „effektive Duration“ im Factsheet des Anleihen-ETFs nach. Sie wird in Jahren angegeben.
- Faustregel anwenden: Multiplizieren Sie die Duration (in Jahren) mit der erwarteten Zinsänderung (in %), um die ungefähre Kursänderung des ETFs zu schätzen.
- Rechenbeispiel: Ein ETF mit einer Duration von 8 Jahren bei einem Zinsanstieg von 1 % führt zu einem Kursverlust von etwa 8 % (8 × -1 % = -8 %).
- Bei steigenden Zinsen agieren: Erwarten Sie steigende Zinsen, wählen Sie ETFs mit kurzer Duration (z.B. unter 5 Jahren), um Kursverluste zu minimieren.
- Bei sinkenden Zinsen profitieren: Erwarten Sie fallende Zinsen, können Sie mit ETFs mit langer Duration von den potenziellen Kursgewinnen profitieren.
Mein iShares Euro Government Bond 7-10yr ETF verlor von 2021 bis 2023 fast 20% an Wert, als die EZB die Zinsen von -0,5% auf 4% anhob. Die hohe Duration von 8 Jahren führte zu massiven Kursverlusten. Jetzt bei 4% Rendite bis Fälligkeit sind Anleihen-ETFs aber wieder attraktiv – bei sinkenden Zinsen winken sogar Kursgewinne.
– Ein Anlegerbericht auf Finanzfluss
Anleihen-ETFs sind also kein risikofreies Investment. Das Zinsänderungsrisiko, gemessen durch die Duration, ist der wichtigste Faktor, den Anleger verstehen und für ihre Portfolio-Steuerung nutzen müssen.
Nachdem Sie nun die entscheidenden Mechanismen hinter den Kulissen von ETFs kennengelernt haben, wird die ursprüngliche Frage – MSCI World oder FTSE All-World – zur Nebensache. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, eine fundierte Strategie zu entwickeln, die auf einem tiefen Verständnis von Kosten, Steuern und Risiken basiert. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Anlagestrategie nicht nur auf einem Index, sondern auf echtem Wissen aufzubauen.
Häufig gestellte Fragen zu nachhaltigen ETFs
Was bedeutet SRI bei ETFs?
SRI steht für ‚Socially Responsible Investing‘ und bezeichnet ETFs, die strenge ESG-Kriterien anwenden und kontroverse Branchen wie Waffen, Tabak oder fossile Brennstoffe ausschliessen. Sie gehören meist zur „dunkelgrünen“ Artikel-9-Kategorie.
Wie erkenne ich Greenwashing bei ETFs?
Prüfen Sie die tatsächlichen Holdings (die zehn grössten Positionen) des ETFs und nicht nur den Marketingnamen. Nutzen Sie Tools wie MSCI ESG Ratings auf den Webseiten der Indexanbieter oder die Detailseiten der ETF-Anbieter für konkrete Nachhaltigkeitskennzahlen und die SFDR-Klassifizierung.
Führen nachhaltige ETFs zu schlechterer Performance?
Historische Daten zeigen gemischte Ergebnisse und es gibt keine Garantie für die Zukunft. SRI-Varianten können durch den Ausschluss bestimmter Sektoren (z.B. Energie in einer Ölpreis-Hausse) schlechter abschneiden, aber auch durch den Fokus auf zukunftsfähige Unternehmen eine Outperformance erzielen. Die Performance hängt stark vom jeweiligen Marktumfeld ab.