Veröffentlicht am Mai 12, 2024

Der Schlüssel zum Erfolg in Schwellenländern liegt nicht darin, das Risiko zu ignorieren, sondern seine spezifischen Mechanismen zu verstehen und gezielt zu nutzen.

  • Kursgewinne sind nur die halbe Miete; die lokale Währungsentwicklung kann Ihre gesamte Rendite zunichtemachen.
  • In ineffizienten Märkten wie Vietnam können aktive Manager tatsächlich einen Mehrwert bieten, der aber teuer erkauft wird.

Empfehlung: Bauen Sie Ihre Schwellenländer-Position nicht auf vager Hoffnung auf, sondern auf einer klaren Strategie, die Währungs-, Politik- und Kostenrisiken aktiv steuert.

Als wachstumsorientierter Investor in Deutschland blickt man zunehmend frustriert auf das heimische Umfeld: stagnierende Märkte, niedrige Zinsen und eine gefühlte wirtschaftliche Lethargie. Der Blick schweift unweigerlich in die Ferne, zu den pulsierenden Volkswirtschaften Asiens. Indien und Vietnam locken mit beeindruckenden Wachstumsraten und einer jungen, aufstrebenden Bevölkerung. Die Standardempfehlung lautet oft, einfach einen breit gestreuten Schwellenländer-ETF zu kaufen und auf die Diversifikation zu hoffen. Doch diese Vorgehensweise ignoriert die tiefgreifenden und oft brutalen Realitäten dieser Märkte.

Die Faszination für das Potenzial darf nicht blind machen für die Fallstricke. Es geht nicht nur um die übliche Aktienmarktvolatilität. Die wahren Risiken liegen tiefer: in der Politik, der Währung und der Marktstruktur selbst. Ein zweistelliger Kursgewinn ist wertlos, wenn die lokale Währung im selben Zeitraum kollabiert. Ein boomender Technologiesektor hilft wenig, wenn regulatorische Willkür Ihr Investment über Nacht halbiert. Die einfache Antwort, das Risiko sei es wert, greift zu kurz.

Doch was, wenn die eigentliche Chance nicht darin besteht, das Risiko zu meiden, sondern es zu verstehen und die Ineffizienzen dieser Märkte gezielt auszunutzen? Dieser Artikel bricht mit der oberflächlichen Pro-und-Contra-Diskussion. Stattdessen analysieren wir die Mechanismen, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wir tauchen ein in die Realität der Währungsfallen, bewerten das tatsächliche Enteignungsrisiko, hinterfragen die Rolle aktiver Manager und zeigen konkrete Strategien auf, wie Sie als deutscher Anleger eine robuste und wachsame Position in den dynamischsten Märkten der Welt aufbauen können.

Dieser Leitfaden ist Ihr Kompass, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Er zeigt Ihnen, wie Sie die strukturellen Gegebenheiten der Schwellenländer für Ihr Portfolio nutzen können, anstatt ihnen zum Opfer zu fallen. Entdecken Sie im Folgenden die entscheidenden Fragen und Antworten für Ihr Investment.

Was nützen 10 % Kursgewinn, wenn die lokale Währung 15 % abwertet?

Dies ist die fundamentale und oft schmerzlich ignorierte Frage beim Investieren in Schwellenländern. Anleger, die von hohen nominalen Wachstumsraten geblendet sind, übersehen leicht die Währungsfalle. Die Performance einer Aktie in lokaler Währung ist für einen deutschen Investor irrelevant. Was zählt, ist die Rendite nach Umrechnung in Euro. Ein drastisches Beispiel hierfür ist Vietnam. Obwohl der vietnamesische Aktienmarkt Phasen des Wachstums erlebte, zeigt eine Analyse, dass der Xtrackers FTSE Vietnam Swap UCITS ETF für Euro-Anleger seit seiner Auflegung im Jahr 2008 einen Wertverlust von rund 58 % erlitten hat. Die Abwertung des Vietnamesischen Dong gegenüber dem Euro hat die lokalen Kursgewinne mehr als zunichtegemacht.

Dieses Phänomen ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Merkmal vieler aufstrebender Volkswirtschaften. Sie neigen zu höherer Inflation und politisch motivierten Abwertungen, um ihre Exporte zu verbilligen. Die schiere Grösse des Marktes kann ebenfalls trügen. Der gesamte vietnamesische Aktienmarkt hat eine Marktkapitalisierung von weniger als 40 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Allein der grösste deutsche DAX-Konzern SAP ist mehr als das Fünffache an der Börse wert. Investitionen fliessen hier in einen relativ kleinen und illiquiden Markt, was die Volatilität weiter erhöht.

Eine aktive Steuerung des Währungsrisikos ist daher kein „Nice-to-have“, sondern eine Notwendigkeit. Dies kann durch währungsgesicherte ETF-Varianten (hedged ETFs) geschehen, die jedoch mit zusätzlichen Kosten (eine höhere TER) verbunden sind. Diese Kosten müssen gegen den potenziellen Schutz abgewogen werden. Eine andere, oft pragmatischere Strategie ist die strikte Begrenzung des Engagements. Ein Investment in einem Hochrisikoland wie Vietnam sollte nur einen kleinen, einstelligen Prozentsatz des Gesamtportfolios ausmachen.

Ihr Plan zur Überprüfung des Währungsrisikos

  1. Historische Schwankungen analysieren: Untersuchen Sie den Währungschart zwischen Euro (EUR) und der lokalen Währung (z.B. Vietnamesischer Dong, VND) über mindestens 5-10 Jahre. Identifizieren Sie Trends und Volatilitätsspitzen.
  2. Kosten für Absicherung prüfen: Suchen Sie nach EUR-hedged ETF-Optionen für den Zielmarkt und vergleichen Sie deren Gesamtkostenquote (TER) mit der ungesicherten Variante.
  3. Break-Even-Punkt berechnen: Ermitteln Sie, wie stark die lokale Währung pro Jahr abwerten muss, damit sich die höheren Kosten des abgesicherten ETFs lohnen.
  4. Portfolio-Gewichtung festlegen: Begrenzen Sie ungesicherte Investments in Hochrisiko-Währungen auf einen maximal einstelligen Prozentanteil Ihres Gesamtvermögens, um das Klumpenrisiko zu kontrollieren.
  5. Regelmässige Überprüfung planen: Setzen Sie sich einen festen Termin (z.B. jährlich), um die Währungsentwicklung und Ihre Portfolio-Gewichtung neu zu bewerten.

Wie bewerten Sie das Enteignungsrisiko in autokratischen Staaten?

Das Risiko, dass eine Regierung plötzlich und willkürlich in private Eigentumsrechte eingreift, ist eine der grössten Sorgen für ausländische Investoren. Dieses Enteignungs- oder Verstaatlichungsrisiko ist in autokratisch geführten Staaten naturgemäss höher. Es reicht von direkten Beschlagnahmungen bis hin zu subtileren Formen wie dem Entzug von Lizenzen, der Einführung von Strafsteuern oder regulatorischen Änderungen, die gezielt ausländische Unternehmen benachteiligen. Die Bewertung dieses Risikos erfordert mehr als nur einen Blick auf die Schlagzeilen; sie verlangt politische Wachsamkeit und ein Verständnis der rechtlichen Schutzmechanismen.

Für deutsche Anleger gibt es hier einen wichtigen, oft übersehenen Schutzwall: bilaterale Investitionsschutzverträge (BITs). Deutschland hat ein dichtes Netz von Abkommen gespannt, um die Investitionen seiner Staatsbürger und Unternehmen im Ausland zu schützen. Laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat die Bundesrepublik weltweit 147 solcher Verträge abgeschlossen. Diese Abkommen legen Standards für den Umgang mit ausländischen Investoren fest und sehen im Streitfall internationale Schiedsgerichte vor. Sie sind keine Garantie, aber sie erhöhen die Hürden für willkürliche staatliche Eingriffe erheblich.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen entwickeln sich zudem weiter. Insbesondere die Europäische Union treibt in ihren neueren Handelsabkommen eine Modernisierung des Investitionsschutzes voran. Wie der BDI in einem Positionspapier hervorhebt, bieten diese neuen Verträge oft einen noch besseren Schutz als die älteren BITs:

Die Investitionskapitel der Handelsabkommen der EU mit Kanada, Vietnam und Singapur beinhalten bereits weitreichende Reformen gegenüber dem Standard der BITs alter Prägung.

– BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie, Positionspapier zu Investitionsschutzverträgen

Ein Investor muss also prüfen: Existiert ein Abkommen zwischen Deutschland/EU und dem Zielland? Wie stabil ist die Rechtsstaatlichkeit vor Ort? Und wie abhängig ist die dortige Regierung von ausländischem Kapital? Ein Land, das aktiv um ausländische Direktinvestitionen wirbt, wird es sich seltener leisten können, Investoren zu verprellen. Das Risiko ist real, aber durch Recherche und die Nutzung bestehender rechtlicher Schutzmechanismen kalkulierbar.

Warum schlagen aktive Manager in ineffizienten Märkten oft den Index?

In entwickelten Märkten wie Deutschland oder den USA ist es für aktive Fondsmanager notorisch schwer, den Marktindex nach Kosten zu schlagen. Die Märkte gelten als „effizient“: Informationen verbreiten sich blitzschnell und sind in den Kursen bereits eingepreist. In Schwellenländern sieht die Welt jedoch anders aus. Hier stossen wir auf das Konzept der kalkulierten Ineffizienz. Diese Märkte sind oft weniger transparent, es gibt weniger Analysten, die die Unternehmen beobachten, und die Liquidität ist geringer. Genau diese Ineffizienz schafft einen strukturellen Vorteil für Anleger, die ihre Hausaufgaben machen.

Aktive Fondsmanager mit einem lokalen Team vor Ort können einen Informationsvorsprung haben. Sie können Unternehmen besuchen, mit dem Management sprechen und die politische und soziale Lage besser einschätzen als ein Algorithmus oder ein Index-Komitee in London oder New York. Sie können unterbewertete „Perlen“ finden, die in keinem grossen Index prominent vertreten sind, oder Problemunternehmen meiden, die durch ihre schiere Grösse noch im Index verbleiben. In einem ineffizienten Markt ist „Stock-Picking“ – die gezielte Auswahl von Einzelaktien – keine reine Glückssache mehr, sondern kann auf einem echten Wissensvorsprung basieren.

Allerdings hat dieser potenzielle Vorteil einen hohen Preis. Die Kosten für aktive Fonds in Schwellenländern sind erheblich und fressen einen grossen Teil der potenziellen Überrendite auf. Ein Vergleich zeigt die Dimensionen des Problems für deutsche Anleger deutlich auf:

Kostenvergleich: Aktive Fonds vs. ETFs bei deutschen Brokern
Kostenart Aktiver Fonds ETF (Neobroker) ETF (Etablierte Bank)
TER pro Jahr 1,5-2,5% 0,14-0,30% 0,14-0,30%
Ausgabeaufschlag 3-5% 0% 0-1,5%
Ordergebühr Depotabhängig 0-1€ 5-15€
Gesamtkosten 5 Jahre (10.000€) 1.250-1.750€ 70-150€ 320-650€

Die Entscheidung ist also ein klarer Trade-off. Sind Sie bereit, die deutlich höheren Gebühren für die *Chance* auf eine Überrendite durch aktives Management zu zahlen? Oder bevorzugen Sie die kostengünstige, aber eben nur durchschnittliche Marktrendite eines ETFs? Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Für sehr nischige oder intransparente Märkte kann ein spezialisierter aktiver Fonds sinnvoll sein. Für eine breite Abdeckung der Schwellenländer sind kostengünstige ETFs für die meisten Anleger jedoch die rationalere Wahl.

Afrika als Investment: Zu früh oder genau der richtige Einstieg?

Während der Fokus vieler Anleger auf Asien liegt, gilt der afrikanische Kontinent oft als die „letzte Investment-Frontier“. Mit einer extrem jungen und schnell wachsenden Bevölkerung, reichen Rohstoffvorkommen und einem immensen Nachholbedarf bei Infrastruktur, Technologie und Konsumgütern ist das langfristige Potenzial unbestreitbar. Doch die Risiken sind ebenso gewaltig: politische Instabilität, hohe Korruption, mangelnde Rechtssicherheit und schwache Infrastruktur schrecken viele Investoren ab. Die Frage ist also: Ist es noch zu früh, oder verpasst man gerade den perfekten Einstiegsmoment?

Ein pauschales Investment in „Afrika“ ist kaum möglich und wenig sinnvoll. Der Kontinent besteht aus 54 sehr unterschiedlichen Staaten. Eine differenzierte Betrachtung ist unerlässlich. Politische Wachsamkeit bedeutet hier, gezielt nach Ländern zu suchen, die Reformen durchführen und aktiv um ausländisches Kapital werben. Ein positives Beispiel für einen solchen gezielten Ansatz ist die von der deutschen Bundesregierung initiierte „Compact with Africa“-Initiative. Dieses Programm, das im Rahmen der G20 ins Leben gerufen wurde, zielt darauf ab, private Investitionen in reformorientierten afrikanischen Ländern zu mobilisieren. Durch verbesserte Rahmenbedingungen und Instrumente zur Risikoabsicherung soll Kapital für Infrastruktur- und Energieprojekte angelockt werden.

Fallbeispiel: Die deutsche „Compact with Africa“-Initiative

Die Initiative konzentriert sich auf eine Gruppe von derzeit 13 afrikanischen Ländern, darunter Äthiopien, Ghana, die Elfenbeinküste und Senegal. Anstatt pauschale Entwicklungshilfe zu leisten, schafft die Initiative Anreize für private Investitionen. Für deutsche Anleger bedeutet dies, dass Investments in diesen Partnerländern von einer zusätzlichen politischen und finanziellen Flankierung durch die Bundesregierung profitieren. Dies reduziert das politische Risiko und schafft eine verlässlichere Basis für langfristige Engagements. Es ist ein klares Signal, dass die deutsche Politik bestimmte afrikanische Märkte als strategische Partner betrachtet.

Für Privatanleger ist der Zugang zu afrikanischen Märkten meist nur über spezialisierte ETFs oder aktive Fonds möglich, die sich oft auf Südafrika oder einen Korb der liquidesten Märkte konzentrieren. Ein Investment in Afrika bleibt eine Wette für sehr langfristig orientierte und risikobereite Anleger. Es ist kein Basis-Investment, kann aber als kleiner, strategischer Satellit in einem breit diversifizierten Portfolio dienen. Der Einstieg ist heute vielleicht nicht perfekt, aber das Warten auf den „perfekten“ Moment bedeutet oft, die besten Chancen bereits verpasst zu haben.

Alibaba oder Tencent: Wie investieren Sie in den asiatischen Tech-Boom trotz Regulierung?

Der technologische Aufstieg Asiens, angeführt von chinesischen Giganten wie Alibaba und Tencent, war über Jahre eine der grössten Wachstumsgeschichten an den globalen Märkten. Doch die jüngsten harschen regulatorischen Eingriffe der chinesischen Regierung haben Anleger weltweit verunsichert. Die Machtdemonstration Pekings hat gezeigt, wie schnell politische Entscheidungen ganze Geschäftsmodelle und Börsenwerte in Frage stellen können. Das Dilemma für Investoren: Wie kann man am unbestreitbaren technologischen Potenzial Asiens partizipieren, ohne sich der Willkür eines einzelnen Staates auszuliefern?

Die Antwort liegt in der Diversifikation und der „China Plus One“-Strategie. Anstatt alles auf China zu setzen, diversifizieren immer mehr Unternehmen und Investoren ihre Engagements und suchen nach Alternativen in der Region. Länder wie Indien und Vietnam positionieren sich als die grossen Nutzniesser dieser Entwicklung. Sie profitieren von der Verlagerung von Produktionsketten und Investments, die aus China abwandern. Indien punktet mit einem riesigen Binnenmarkt und einer wachsenden, gut ausgebildeten Tech-Arbeitnehmerschaft. Tatsächlich schneidet Indien bei der Attraktivität für ausländische Direktinvestitionen hervorragend ab: Im Kearney Foreign Direct Investment Confidence Index 2024 liegt das Land auf Rang 18 und damit deutlich vor anderen asiatischen Ländern wie Thailand oder Vietnam.

Darstellung der China Plus One Strategie mit Fokus auf Indien und Vietnam

Für Portfolio-Manager bedeutet das, die Allokation neu zu denken. Anstatt nur einen breiten Schwellenländer-ETF zu kaufen, der oft zu über 50 % von China, Taiwan und Südkorea dominiert wird, können gezielte Strategien das Risiko steuern. Hier sind einige konkrete Optionen für deutsche Anleger:

  • Option 1: Kompletter Ausschluss (MSCI Emerging Markets ex China ETF): Diese radikale Lösung eliminiert das China-Risiko vollständig, verzichtet aber auch auf die Chancen des zweitgrössten Wirtschaftsraums der Welt.
  • Option 2: Bewusstes China-Investment: Ein breit gestreuter EM-ETF wird beibehalten, aber um einen spezifischen Indien- oder Vietnam-ETF als „Satellit“ ergänzt, um das Gewicht dieser Länder aktiv zu erhöhen.
  • Option 3: Core-Satellite-Ansatz: Ein stabiler Kern aus einem MSCI World ETF (Industrieländer) wird mit einem breit gestreuten MSCI EM ETF kombiniert und durch einen thematischen Satelliten (z.B. Indien-ETF, Asien-Tech ex-China) verfeinert.

Die „China Plus One“-Strategie ist kein Allheilmittel, aber sie ist ein Ausdruck politischer Wachsamkeit. Sie anerkennt das Risiko einer übermässigen Konzentration auf einen einzigen, unberechenbaren Markt und sucht aktiv nach intelligenten Alternativen, um am dynamischen Wachstum ganz Asiens teilzuhaben.

Der Fehler beim Zinssparen im Ausland, der Ihre Marge auffressen kann

Auf der Suche nach Rendite stossen deutsche Sparer oft auf verlockende Zinsangebote von Banken in Schwellenländern. Während man in Deutschland kaum noch Zinsen erhält, versprechen Institute in Ländern wie der Türkei oder Vietnam hohe einstellige Prozentsätze. Doch dieser scheinbar einfache Weg zur Rendite ist mit erheblichen, oft unsichtbaren Risiken gepflastert, die weit über das reine Aktieninvestment hinausgehen. Der grösste Fehler ist die Annahme, dass „Sparen“ im Ausland genauso sicher ist wie in der EU.

Das primäre Risiko ist, wie bereits diskutiert, die Währung. Ein Zinsgewinn von 8 % ist schnell Makulatur, wenn die lokale Währung gegenüber dem Euro um 10 % abwertet. Hinzu kommt das Risiko der Einlagensicherung. Während in der EU Spareinlagen bis 100.000 € pro Kunde und Bank geschützt sind, sind die Systeme in Schwellenländern oft unzureichend oder im Krisenfall nicht durchsetzungsfähig. Ein weiteres Problem ist die Quellensteuer, deren Anrechnung in Deutschland kompliziert und aufwendig sein kann. Ein Direktinvestment bei einer ausländischen Bank ohne EU-Regulierung setzt den Anleger diesen Risiken voll aus.

Ein Vergleich der Risiken macht den Unterschied deutlich:

Risikovergleich: Direktsparen im Schwellenland vs. EU-regulierte Plattform
Kriterium Direktsparen Schwellenland EU-regulierte Plattform
Einlagensicherung Landabhängig, oft unsicher 100.000€ EU-Standard
Währungsrisiko Voll exponiert EUR-Anlagen möglich
Quellensteuer Komplexe Anrechnung Automatische Verrechnung
Regulierung Lokale Standards EU-Aufsicht

Paradoxerweise lenkt die Jagd nach scheinbar „sicheren“ Zinsen den Blick vom eigentlichen Wachstumstreiber dieser Länder ab: ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Am Beispiel Vietnams wird dies deutlich. Während man über Zins- und Währungsrisiken debattiert, vollzieht sich eine beeindruckende Transformation: Die Armutsrate unter den 101 Millionen Vietnamesen fiel zwischen 2010 und 2020 von 14 % auf 4,2 %. Dies bedeutet den Aufstieg einer neuen, kaufkräftigen Mittelschicht – der wahre Motor für Unternehmensgewinne und langfristige Aktienrenditen. Wer in Schwellenländern investiert, sollte auf dieses Wachstum setzen (z.B. über Aktien-ETFs), anstatt zu versuchen, ein unsicheres Zinsdifferenzgeschäft zu machen.

Warum ist das Kontrahentenrisiko bei synthetischen ETFs (Swap) heute kaum noch relevant?

Gerade wenn es um schwer zugängliche Märkte wie Vietnam geht, stossen Anleger oft auf sogenannte synthetische oder Swap-ETFs. Bei diesen Produkten kauft der ETF-Anbieter nicht die Aktien des Index direkt, sondern schliesst ein Tauschgeschäft (Swap) mit einem Finanzpartner, meist einer grossen Investmentbank, ab. Diese Bank garantiert dem ETF die Rendite des zugrundeliegenden Index. In der Vergangenheit führte dies zu Sorgen über das „Kontrahentenrisiko“: Was passiert, wenn der Swap-Partner pleitegeht? Ist dann das Geld der Anleger verloren?

Diese Sorge ist heute, zumindest für in der EU zugelassene ETFs (UCITS-konforme ETFs), weitgehend unbegründet. Strenge regulatorische Vorgaben haben das Risiko auf ein Minimum reduziert. Der entscheidende Punkt ist die Besicherung. Der ETF-Anbieter hält ein Portfolio aus Sicherheiten (meist hochliquide Aktien und Anleihen aus Industrieländern), das den Wert des Swaps absichert. Die Vorschriften sehen vor, dass der unbesicherte Anteil des Swaps – also das tatsächliche Ausfallrisiko – niemals mehr als 10 % des Fondsvermögens betragen darf. In der Praxis setzen die meisten Anbieter die Grenze sogar noch niedriger (oft bei 5 % oder 0 %) und gleichen die Sicherheiten täglich an.

Ein synthetischer ETF ist also nicht „leer“, sondern mit einem Korb hochwertiger Sicherheiten gefüllt. Im Falle einer Pleite des Swap-Partners wird dieser Sicherheitenkorb liquidiert, um die Anleger auszuzahlen. Das verbleibende Restrisiko ist minimal und wird durch die Vorteile, die synthetische ETFs in Nischenmärkten bieten, oft mehr als aufgewogen. Sie sind häufig kostengünstiger und bilden den Index präziser ab (geringerer Tracking Error), da sie keine physischen Aktien in illiquiden Märkten handeln müssen.

Fallbeispiel: Xtrackers FTSE Vietnam Swap UCITS ETF

Der Xtrackers FTSE Vietnam Swap UCITS ETF ist ein perfektes Beispiel für den sinnvollen Einsatz dieser Technologie. Er ermöglicht deutschen Anlegern einen einfachen und kostengünstigen Zugang zum vietnamesischen Aktienmarkt. Physisch in die Aktien des FTSE Vietnam Index zu investieren, wäre für einen ETF-Anbieter aufgrund von Handelsbeschränkungen und geringer Liquidität schwierig und teuer. Der Swap-Aufbau umgeht diese Probleme elegant und liefert dem Anleger die reine Marktrendite. Als UCITS-ETF unterliegt er den strengen europäischen Besicherungsregeln, wodurch das Kontrahentenrisiko für den Endanleger praktisch vernachlässigbar wird.

Das Wichtigste in Kürze

  • Währung und Politik sind die wahren Risikotreiber in Schwellenländern, nicht nur die Aktienvolatilität.
  • Ineffiziente Märkte erfordern eine aktive Strategie, sei es durch Fondsauswahl oder gezielte ETF-Konstruktion (z.B. „China Plus One“).
  • Für deutsche Anleger ist die Wahl der Struktur (EU-regulierte ETFs, Kenntnis der Teilfreistellung) entscheidend für den Nettoerfolg.

Welcher Welt-ETF passt zu Ihnen: MSCI World oder FTSE All-World?

Nach der Analyse der spezifischen Chancen und Risiken in Schwellenländern stellt sich für viele deutsche Anleger die finale, praktische Frage: Wie integriere ich diese Erkenntnisse am einfachsten in mein Portfolio? Die Antwort führt oft zu einer Grundsatzentscheidung zwischen zwei der beliebtesten Indexkonzepte der Welt: dem MSCI World und dem FTSE All-World. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden liegt genau im Thema dieses Artikels: dem Anteil der Schwellenländer.

Der MSCI World Index umfasst ausschliesslich Aktien aus den circa 23 grössten Industrienationen. Er bietet keinerlei Engagement in Schwellenländern. Ein Investment in den MSCI World ist eine reine Wette auf die etablierten Volkswirtschaften. Der FTSE All-World hingegen ist umfassender. Er kombiniert die Aktien aus Industrie- und Schwellenländern in einem einzigen Index. Der strategische Unterschied ist fundamental: Der Anteil der Schwellenländer im FTSE All-World beträgt etwa 10 %, während er im MSCI World bei 0 % liegt.

Daraus ergeben sich zwei klare Basisstrategien für den Aufbau eines Weltportfolios:

  • Der Autopilot (1-ETF-Lösung): Sie investieren zu 100 % in einen ETF auf den FTSE All-World. Damit überlassen Sie die Gewichtung der Schwellenländer dem Markt. Steigt deren Bedeutung in der Weltwirtschaft, steigt auch ihr Anteil im Index automatisch. Dies ist die einfachste und wartungsärmste Strategie.
  • Der Architekt (2-ETF-Lösung): Sie investieren einen Grossteil (z.B. 70-90 %) in einen MSCI World ETF und ergänzen diesen mit einem separaten MSCI Emerging Markets ETF (z.B. 10-30 %). Der Vorteil: Sie haben die volle Kontrolle über Ihre Schwellenländer-Quote und können diese bewusst über- oder untergewichten, je nach Ihrer Markteinschätzung und Risikobereitschaft. Diese Strategie kann weiter verfeinert werden, indem man gezielte Länder- oder Regionen-ETFs (z.B. Indien) als Satelliten hinzufügt.

Für deutsche Anleger ist zudem ein steuerlicher Aspekt relevant: Sowohl ETFs auf den MSCI World als auch auf den FTSE All-World oder MSCI EM profitieren in der Regel von der sogenannten Teilfreistellung. Da ihr Aktienanteil über 51 % liegt, sind 30 % der Erträge (Dividenden und Kursgewinne) von der Abgeltungsteuer befreit. Dies gilt für beide vorgestellten Strategien. Die Wahl zwischen „Autopilot“ und „Architekt“ ist letztlich eine persönliche Entscheidung über den gewünschten Grad an Kontrolle und den Aufwand, den man betreiben möchte.

Um die richtige Wahl zu treffen, sollten Sie die hier diskutierten Grundprinzipien auf Ihre persönliche Situation anwenden und Ihre Strategie klar definieren.

Die Entscheidung für oder gegen ein Investment in Schwellenländer wie Indien oder Vietnam ist keine einfache Ja/Nein-Frage. Sie ist der Beginn eines Prozesses, der politische Wachsamkeit und ein tiefes Verständnis für die einzigartigen Risikomechanismen dieser Märkte erfordert. Wie wir gesehen haben, können Währungs- und Politikrisiken die vielversprechendsten Wachstumsaussichten zunichtemachen. Gleichzeitig bieten die Ineffizienzen dieser Märkte Chancen, die in den durchanalysierten westlichen Börsen kaum noch zu finden sind. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, das Risiko nicht zu ignorieren, sondern es aktiv zu managen – durch bewusste Portfolio-Konstruktion, die richtige Instrumentenwahl und eine realistische Einschätzung der Kosten. Ob Sie sich für einen passiven Ansatz über den FTSE All-World entscheiden oder als „Architekt“ Ihr Portfolio gezielt mit Schwellenländer-Satelliten gestalten: Ihre Strategie muss bewusst und informiert sein. Analysieren Sie jetzt Ihr bestehendes Portfolio, um festzustellen, ob Ihre aktuelle Schwellenländer-Allokation Ihrer Risikobereitschaft und Ihren Wachstumszielen noch entspricht.

Geschrieben von Julia Hagner, Julia Hagner ist unabhängige Honorarberaterin für Vermögensaufbau und zertifizierte Finanzplanerin (CFP). Sie ist Expertin für ETF-Portfolios, Altersvorsorge für Selbstständige und rationale Anlagestrategien abseits von Bankenvertriebsprodukten.